Grafeneck

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Ausschnitte aus der Komposition GRAFENECK 10654

Die Geschichte

Grafeneck, viele Jahre Jagd- und Lustschloss Herzog Carl-Eugens von Württemberg war im 18. Jahrhundert ein Ort der Kultur an dem Musik, Oper und Ballett gepflegt wurde.1928 übernahm die Samariterstiftung das Schloss als Ort für behinderte Menschen. Im Jahr 1939 wurde es vom nationalsozialistischen Staat für „Zwecke des Reichs“ beschlagnahmt. Ab Januar 1940 bis in den Dezember desselben Jahres wurden dort 10654 Menschen mit Behinderung und psychisch Kranke ermordet und ihre Leichen verbrannt.

Das Projekt

Bei dem Versuch die unvorstellbare Zahl der Opfer begreifbar zu machen wurde klar, dass es niemals nur um Zahlen gehen darf, sondern dass es wichtig ist den einzelnen Opfern wieder ein Gesicht zu geben. Unter den Händen von Jochen Meyder entstehen im Laufe der Jahre 10654 Terra- cotta Figuren, einzeln modelliert, mit individuellem Gesicht. Sobald alle Figuren, alle Opfer, geformt und aufgebahrt sind, werden die Besucher der Gedenkstätte eingeladen eine Figur mit nach Hause zu nehmen. Sie können so eine post hume Patenschaft übernehmen, und einem Menschen wieder einen Ort des Gedenkens geben.

In der Auseinandersetzung mit der Installation „Grafeneck 10654“ von Jochen Meyder entstand bei Thomas Fortmann die Idee zu einem Gedenkkonzert für die Opfer. Nach Gesprächen mit dem Komponisten und Geiger Helmut Lipsky entwickelte sich daraus ein Konzert, das musikalisch die Geschichte des Schlosses nachzeichnet. 

Die Musik

Das Programm beginnt mit einer Renaissance Introduktion, einer „Allemande con Tripla“ von Thomas Fortmann. Es folgen je eine Komposition beider Autoren auf Themen aus den Württembergischen Sonaten von Carl Philipp Emanuel Bach, welche Herzog Carl Eugen gewidmet waren. Darauf setzt sich Helmut Lipsky in seinem Stück „Überm Sternenzelt sicher wohnen“, mit Schillers Ode an die Freude auseinander und der Abschluss bildet die Komposition "Grafeneck 10654" von Thomas Fortmann, welche sich mit dem unbegreiflichen Geschehen in Grafeneck befasst. Alle vier Stücke wurden eigens für dieses Gedenken geschrieben und verlangen eine ungewöhnliche Besetzung: Violine (plus elektrische Vl), Piano und Perkussionen. 

 

Die Künstler

Jochen Meyder studierte Bildhauerei in Stuttgart und Nürnberg, Kunstgeschichte und Philosophie in Tübingen. Seine Arbeiten sind der Figur verpflichtet, werden aber oft collageähnlich durch Fundgegenstände kontrastiert, und erhalten so eine neue Aussage. Die Auseinandersetzung mit den Morden in Grafeneck umfasst eine eigene Werkgruppe.

Helmut Lipsky studierte Violine, und war zeitweise Schüler von Ithzak Perlman in New York. Er ist Professor am Konservatorium in Montréal und spielt als Solist mit führenden Orchestern und in verschiedenen Kammermusikensembles. Er schreibt Musik für Theater und Film und verwendet dabei auch ungewöhnliche Besetzungen.

Grafeneck Rezensionen pdf.

Grafeneck Uraufführung 2015 pdf.

2016 Grafeneck J.Meyder Kunst-Projekt 10654 pdf.

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Veaudeville für Leontine

Zur Entstehung

Libretto

Prolitheus Pfenninger liest in der Eisenbahn ein liegengelassenes Buch. Es ist die schlechteste und unmöglichste Lektüre die ihm je in die Finger kam. Doch es sollte das Buch werden, mit dem er sich am längsten beschäftigt. Die ersten Seiten werden von ihm anfänglich noch während der Fahrt aus Langeweile und Ekel mit Filzstift und Tipp-Ex malträtiert: er streicht ganze Textblöcke durch und lässt nur einzelne Wörter oder Satzteile stehen. Im Laufe der nächsten 20 Monaten verfeinert er seine Décollage Technik. Anstelle des Ekels setzt er als geistigen Überbau die Poesie. Das heisst, jede Seite wird einzeln zu einem eigenständigen Studienobjekt. Der ursprüngliche Originaltext bietet verschiedene, aber doch beschränkte Möglichkeiten durch die vorgegebene Wortwahl. So arbeitet er an einer Seite manchmal tagelang, bis sie ein völlig neues Gesicht hat. Am Ende ist die ursprünglich erzählte Geschichte weggestrichen und die von ihm behandelten Seiten sehen aus wie Bastarde zwischen konstruktiver Malerei und totaler Willkür. So habe ich das Buch zum ersten Mal gesehen.

Das Libretto ist eine von mir zusammengestellte Collage aus dem verbalen Restposten, den Prolitheus auf den Buchseiten übrigliess. Ich habe diesen Restposten in 10 Themenordnern gesammelt und danach alles neu zusammengesetzt. Das Libretto ist also eine Collage aus einer Décollage. Eigene Ergänzungen beschränkte ich auf die Liedtexte. So entstand die Handlung, so wurde der Text komponiert.

Musik

Mein musikalisches Konzept für das Stück könnte man umschreiben mit „Einheit in der Vielfalt“. Tatsächlich kommen ganz verschiedene Strömungen der gegenwärtigen Musikstile zusammen. Konstruktion und Vitalität, Logik und sinnliche Wirkung sollen sich verbinden um auch gegensätzliche musikalische Visionen zu einer Einheit zu bringen. Indem ich versuche den einzelnen Titeln jeweils die, ihrem Gehalt entsprechend geeignete Form und Stil zu geben, verlasse ich mich auf meine eigene und freie kompositorische Entscheidung. So liegt die Musik denn zwischen allen Fronten, resp. spielt und kokettiert mit ihnen, indem sich Kompositionstechniken der neueren E-Musik mit rhythmischem Empfinden des Jazz und dem Lebensgefühl des Rockzeitalters vermischen. Dabei resultiert keinesfalls eine Art Crossover, sondern stets ein originaler Ausdruck von zeitgenössischem Musikbewusstsein: ein "Sturm und Drang"-Stück, mit der entsprechenden Absicht eine "aufklärerische" Periode des Musikschaffens zu überwinden.

Als eine Vorstudie habe ich eine 6-sätzige Suite für Klaviertrio geschrieben - Prolitheus Suite - welche an der University of Texas uraufgeführt wurde, mit Wiederholungen in der Moores Opera, Houston, sowie an zwei italienischen Festivals und der Carnegie Hall in New York.

Und noch etwas: trotz meinem Hang zur „Zwölftönigkeit“, und obwohl mein musikalischer Ausdruck von heute verschieden ist, fühle ich mich verbunden mit dem spezifisch deutschen Musiktheater, welches es u.a. durch Eisler und Weill verstanden hat, dass Kunst und Gassenhauer sich nicht gegenseitig ausschliessen müssen. Und so möchte ich mein Vaudeville für Leontine durchaus als moderne Fortsetzung dieser Tradition sehen.

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Oratorio Francescano

Die ursprüngliche Komposition entstand in einer Zeit der Umwälzungen in meinem Leben, nämlich meiner Abwendung von der Rock-Musik mit ihrem beschwingt luxuriösen Lebensstiel. Neuorientierung hatte ich noch keine. Die Errungenschaften der E-Musik waren mir noch weitgehend fremd und überhaupt war alles „klassische“ höchstens eine lästige Erinnerung ans Konservatorium. Mit diesen Voraussetzungen begegnete ich dem Gedankengut des Franz von Assisi; und zwar mit solch radikaler Begeisterung, dass ich fortan während längerer Zeit in den Tessiner Bergen und Tälern eine möglichst konkrete Nachfolge zu leben versuchte.
Und -ohne zu säen- trug die Welt mich tatsächlich!
Diese glückliche Erfahrung webte sich beim Komponieren wie von selbst in mein Werk: es hat weder eine durchgehende Struktur, noch wurde es von einem Zeitgeist geprägt. Der Nenner ist einzig meine damalige Motivation, also die Absicht, den Lobpreis zu erleben und musikalisch umzusetzen; und zwar im Sinne des Ägideus – einer der ersten Weggefährten des Heiligen Franz – welcher einst sagte: „Niemand soll den Namen Franziskus aussprechen, ohne dabei grosse Süssigkeit zu empfinden.“ Als Vorlage für meine Komposition dienten mir drei zentrale Texte: „Il Cantico delle Creature“, das „Salutatio Virtutum“ und das „Preghiera a San Damiano“, sowie – in Franziskanischer Tradition – eine eigene Interpretation des „Preghiera del Signore“ („Gebet des Herrn“ oder „Vater unser“).

Nach 25 Jahren beschäftige ich mich nun erneut mit dem Oratorium. Meine Absicht ist nicht es zu verbessern - denn die Gefühlstiefe, die mich damals mit S.Fr. verband und deren Ausdruck die eigentliche Stärke der Komposition ist, habe ich heute nicht mehr - aber ich glaube meine mittlerweile erworbene Erfahrung, sowie die Erweiterung des Orchesters mit den bereits im ersten Entwurf geplanten Bläsern, können das Werk komplettieren. Bei dieser Überbarbeitung muss ich allerdings stets auf der Hut sein die Simplicità, welche auch musikalisch als positive Naivität hervortritt, nicht anzutasten und zu verlieren, denn letztendlich macht genau sie den Lobpreis, die Laude, also die Wahrheit des Werkes aus.

Einfachheit und Schönheit sind bereits im Text des Cantico delle Creature die herausragenden Adjektiven Merkmale. Es fällt sofort auf, dass bei den Aufzählungen einzig „schön“ in drei verschiedenen Versen und das verwandte „preziös“ in zwei weiteren wiederholt werden. S.Fr. erkennt die ganze Grösse der Schöpfung, den göttlichen Strahl in der, der Kreatur innewohnenden Schönheit. Dies absolut im Gegensatz zu der damaligen Auffassung. In unzähligen Beispielen tritt aber immer wieder hervor, dass er eine ganz andere Sicht der Dinge hatte als die offizielle Kirche. Und als zwischenzeitlich der Orden, den er gegründet hatte immer mehr von seinen Prinzipien abdriftet, steht er sogar im Streit mit diesem, was dann einige Zeit nach seinem Tod bei erneutem Abrücken von den ursprünglichen Regeln zur Spaltung des Ordens führte.

S.Fr. war nicht akademisch geschult wie ein Augustinus oder Thomas von Aquin, weder philosophisch noch theologisch und ich betrachte es als krasse Verfälschung die Sicht von ihm in der Augustineschen Tradition zu suchen. Mir scheint viel mehr, dass S.Fr. ein Gegensatz zu dieser und damit der damaligen offiziellen Theologie darstellt. Auch stammt seine Erfahrung aus ganz anderen Erkenntnismethoden als diejenige von Augustinus. Wenn überhaupt, so sehe ich mehr Übereinstimmung gerade mit Thomas von Aquin, denn auch dieser ist der Ansicht, dass Gottes Wirkung in der Natur vermittelt wird, dass sie sich auf Grund der Ähnlichkeit von Schöpfer und Geschöpf aufeinander beziehen und dass das Wesen Gottes nur stückweise aus verschiedenen Erscheinungen (creature) zusammengesetzt und erfasst werden kann. Genau das, was S.Fr. im Cantico auf schlichte und überzeugende Art tut. Der transzendierende und bloß außerhalb der Zeit und dem Diesseits sich befindende Gott des Augustinus, scheint mir der Vorstellung des S.Fr. genau so fern, wie die sich daraus resultierende Prädestinationslehre, welche eine Kluft zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpften öffnet. Seine revolutionäre Aufwertung des Lebens und allem Lebendigen, die Identifizierung von Gott mit seiner Kreatur ist in evidentem Widerspruch dazu. Alles was Franziskus sieht, scheint ihn zu lehren, dem Schöpfer auch bei allem was er nicht sieht zu vertrauen; denn tatsächlich scheint die wahre Lehre von der Allgegenwart die, dass Gott in all seiner Fülle an jeder Stelle der Schöpfung in Erscheinung treten kann.
Zwar war der Franziskaner Orden später Hauptgegner bei der Verankerung der Lehren von Thomas von Aquin (und durch ihn denjenigen des Aristoteles) als offizielle Katholischen Doktrin, aber das verwundert nicht, denn wie weit der Orden in der Folge von ihrem Gründer abgedriftet und konservativ wurde, kann man noch heute in Assisi beim Betreten der Basilika, und noch krasser im Paradox des Kirchleins Portiunkula zum sich darüber wölbenden Dom von St. Angelo, in Augenschein nehmen.

Als Sohn eines reichen Kaufmanns hat S.Fr. die Misere und gesellschaftlichen Konflikte, die der damals aufkommende Handel der Menschheit (und der Natur) bringen würde, deutlich erkannt. In einer wörtlichen Nachfolge Christi und nicht in einer gedeuteten, sah er den Ausweg, die alternative Antwort zu dem was kommen wird... und was auch kam! Einzig das Evangelium, die Realität von Christus war das Mass und nicht die Interpretation, also die Kirche und ihre Theologie. Dafür setzte er seine ganze Existenz ein und predigte nicht bloss oder verfasste als Intellektueller nicht einfach nur Gedichte, Gebete und Schriften, sondern wurde selbst zum vielleicht einzigen Christen. Diese polemische, radikale Haltung führte gegenüber der Kirche – mit der er im Übrigen nie in einem wirklichen Konflikt stand - zu einer moralischen Überlegenheit und erklärt die enorme Wirkung und den sofortigen Erfolg des Ordens. Obwohl Franziskus stets den Wert der Kirche respektierte und seine Bewegung unbedingt als Mitglied von ihr wissen wollte, war wohl weniger die Absicht dabei sich anzupassen, als viel mehr der Wille, innerhalb von ihr eine reformatorisch ergänzende Wirkung einzunehmen. Diese Hoffnung war durchaus nicht unbegründet, denn Papst Innozenz III bestätigte überraschend früh schon die ersten Ordensregeln und der Bischof von Ostia, der spätere Papst Gregor IX war ihm sehr zugetan und Freund, wurde auf sein Bitten sogar Schirmherr des Ordens und sprach ihn zwei Jahre nach seinem Tod bereits Heilig. Rechnet man die mit den Franziskanern gleichzeitig aufkommende Dominikanerbewegung dazu, so kann man tatsächlich von der Entstehung eines Mahnmal oder Gewissens Christi innerhalb der Kirche sprechen, welches durch das überaus geglückte Pontifikat von Papst Gregor IX in dieser Zeit ermöglicht wurde.

Zu diesem offensichtlichen Konflikt, welcher zwischen San Francesco und der Kirche im Verständnis des Christentums bestand (und besteht), sind seine eigenen Worte besonders interessant: „Zur Unterstützung des Klerus sind wir gesandt, damit das was ihm fehlt, von uns ersetzt werde“ und „Wenn ihr (Minderbrüder) Söhne des Friedens seid, werdet ihr Volk und Klerus für den Herrn gewinnen,..... ersetzt daher ihre (dem Klerus) vielfältigen Mängel“ (Thomas von Celano).

"Musik und Liturgie"(Interview M. Labate)

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