Vaudeville für Leontine

Kammeroper
nach einer Textvorlage von Prolitheus Pfenninger

Einführung aus dem Murten Festivalführer von Dr. Irène Minder-Jeanneret.... lesen

Kaspar Zehnder Musikalische Leitung
Anna Drescher Regie, Christian Beck Bühnenbild, Christophe Gorgé Licht
Stefanie Szanto Mezzosopran, Hans-Jürg Rickenbacher Tenor, Wolf Latzel Bariton
Ensemble Paul Klee: Kaspar Zehnder Flöte, Barnabás Völgyesi Klarinette, Philippe Talec,Violine, Matthias Schranz Violoncello, Ivan Nestic Kontrabass, Daniel Brylewski Klavier, Christoph Vogt Schlagzeug,
Bilder aus den Proben und der Uraufführung vom 18. August, Murten Classics

Zur Entstehung

Prolitheus Pfenninger liest in der Eisenbahn ein liegengelassenes Buch. Es ist die schlechteste und unmöglichste Lektüre die ihm je in die Finger kam. Doch es sollte das Buch werden, mit dem er sich am längsten beschäftigt. Die ersten Seiten werden von ihm anfänglich noch während der Fahrt aus Langeweile und Ekel mit Filzstift und Tipp-Ex malträtiert: er streicht ganze Textblöcke durch und lässt nur einzelne Wörter oder Satzteile stehen. Im Laufe der nächsten 20 Monaten verfeinert er seine Décollage Technik. Anstelle des Ekels setzt er als geistigen Überbau die Poesie. Das heisst, jede Seite wird einzeln zu einem eigenständigen Studienobjekt. Der ursprüngliche Originaltext bietet verschiedene, aber doch beschränkte Möglichkeiten durch die vorgegebene Wortwahl. So arbeitet er an einer Seite manchmal tagelang, bis sie ein völlig neues Gesicht hat. Am Ende ist die ursprünglich erzählte Geschichte weggestrichen und die von ihm behandelten Seiten sehen aus wie Bastarde zwischen konstruktiver Malerei und totaler Willkür. So habe ich das Buch zum ersten Mal gesehen.

Das Libretto ist eine von mir zusammengestellte Collage aus dem verbalen Restposten, den Prolitheus auf den Buchseiten übrigliess. Ich habe diesen Restposten in 10 Themenordnern gesammelt und danach alles neu zusammengesetzt. Das Libretto ist also eine Collage aus einer Décollage. Eigene Ergänzungen beschränkte ich auf die Liedtexte. So entstand die Handlung, so wurde der Text komponiert.

Musik

Mein musikalisches Konzept für das Stück könnte man umschreiben mit „Einheit in der Vielfalt“. Tatsächlich kommen ganz verschiedene Strömungen der gegenwärtigen Musikstile zusammen. Konstruktion und Vitalität, Logik und sinnliche Wirkung sollen sich verbinden um auch gegensätzliche musikalische Visionen zu einer Einheit zu bringen. Indem ich versuche den einzelnen Titeln jeweils die, ihrem Gehalt entsprechend geeignete Form und Stil zu geben, verlasse ich mich auf meine eigene und freie kompositorische Entscheidung. So liegt die Musik denn zwischen allen Fronten, resp. spielt und kokettiert mit ihnen, indem sich Kompositionstechniken der neueren E-Musik mit rhythmischem Empfinden des Jazz und dem Lebensgefühl des Rockzeitalters vermischen. Dabei resultiert keinesfalls eine Art Crossover, sondern stets ein originaler Ausdruck von zeitgenössischem Musikbewusstsein: ein "Sturm und Drang"-Stück, mit der entsprechenden Absicht, eine aufklärerische Periode des Musikschaffens zu überwinden.

Als eine Vorstudie habe ich eine 6-sätzige Suite für Klaviertrio geschrieben - Prolitheus Suite - welche an der University of Texas uraufgeführt wurde, mit Wiederholungen in der Moores Opera, Houston, sowie an zwei italienischen Festivals und der Carnegie Hall in New York.

Und noch etwas: trotz meinem Hang zur „Zwölftönigkeit“, und obwohl mein musikalischer Ausdruck von heute verschieden ist, fühle ich mich verbunden mit dem spezifisch deutschen Musiktheater, welches es u.a. durch Eisler und Weill verstanden hat, dass Kunst und Gassenhauer sich nicht gegenseitig ausschliessen müssen. Und so möchte ich mein Vaudeville für Leontine durchaus als moderne Fortsetzung dieser Tradition sehen.

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Collodis Pnocchio

 

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Collodis Pinocchio Trailer 1

Collodis Pinocchio Trailer 2

Das „Pinocchio Musical“ war ein Kompositionsauftrag vom Opernhaus Zürich an Thomas Fortmann. Der Erfolg war enorm: von den 30 Aufführungen waren 28 ausverkauft. Nach der Uraufführung schrieb ‚die Welt am Sonntag’: "Also hat Weill doch eine Nachfolge" und traf damit einen Wesenszug des Pinocchio, denn die Komposition steht tatsächlich in einer europäischen Tradition von Musiktheater und weniger in der des amerikanischen Musicals. Die einzelnen Titel sind bewusst kurz gehalten und integrierender Bestandteil der Geschichte. Sie erzählen die Geschichte weiter, anstatt sie ‚nur’ zu illustrieren. Die Musik wirkt direkt, originell, ungeschliffen wie eine toskanische Banda und klingt trotz moderner Struktur und Musiksprache stets wie ein Gassenhauer.

Nach dieser aufwändigen und gigantischen Zürcher Version fanden sich der Berliner Regisseur Horst-J. Lonius (Libretto) und Thomas Fortmann zusammen, um den Text und die Partitur für ein kleineres Ensemble und eine einfachere Ausstattung (6 Schauspieler, 5 Musiker) neu zu erarbeiten und es entstand Collodis Pinocchio inszeniert und uraufgeführt vom Talman Ensemble.

Das Musiktheater ist äusserst fantasievoll, spielerisch und mitreissend, nicht nur formell, auch inhaltlich bietet das Werk Überraschungen: Auf der Bühne wird nicht einfach Pinocchio nacherzählt – vielmehr ist die Entstehungsgeschichte Teil der Handlung:

An einem hässlichen Karnevalsmorgen fällt Carlo Collodi ein, dass er an diesem Tag noch eine tüchtige Schuld zu begleichen hat. Er begibt sich in sein Florentiner Stammcafé, dem ‚Elvetico’, am Treffpunkt der Künstler, und Müßiggänger aller Couleur. Er setzt sich an einen Tisch und beginnt mit einem Schreiben an seinen Verleger.....Nach und nach verwandelt sich in seiner Fantasie das Lokal mit seinen Gästen in die verschiedenen Szenarien, die wir heute als die Geschichte Pinocchio kennen: Die Kellnerin wird zur Fee, aus dem Mafioso und seiner Geliebten werden Fuchs und Katze, die Bar ist einmal Kutsche, einmal Walfisch. Collodi indes wird allmählich selbst zu der von ihm erdachten Holzpuppe und steht plötzlich mitten in seiner eigenen Erzählung. So überraschend der Beginn des Stücks, so überraschend ist natürlich auch das Ende. 
 

Die Problematik bei der Bearbeitung des Originaltexts von Pinocchio

für die Bühne beruht einerseits auf seiner Entstehungsgeschichte und andererseits auf einer, aus heutiger Sicht, überkommenen erzieherischen Moral. Collodi verfasste den Text nicht mit der Absicht einen geschlossenen Roman zu schreiben, sondern als Fortsetzungsserie für eine Kinderzeitschrift. Ohne besondere Sorgfalt plante er lediglich 6 Folgen und erst der Erfolg dieser ersten Kapitel veranlasste ihn, immer weiter zu schreiben, um schlussendlich auf 36 Kapitel zu gelangen.·

Durch diese merkwürdige Entstehungsgeschichte fehlen unentbehrliche Voraussetzungen für ein dramatisch geschlossenes Bühnenwerk. So kommen zum Beispiel zwei der beliebtesten Gestalten – Fuchs und Katze – nach einem Viertel der Erzählung überhaupt nicht mehr vor. Sie eignen sich aber wie keine der nachfolgenden Figuren, um das Schlechte, die bösartige Verführung und niederträchtige menschliche Habgier zu verkörpern. Die beiden später eingeführten Herren Kutscher und Trommelbauer zeigen zwar Parallelen auf, gelangen aber nie zu einer ähnlich packenden Faszination wie Fuchs und Katze. Docht hingegen ist keinesfalls ein bösartiger Verführer, sondern glaubt fest an sein Schlaraffenland-Paradies, in welches er Pinocchio in missionarischem Eifer mitnehmen will und wo er selbst als getäuschtes Opfer endet. In meinem Bühnenstück verleihe ich den zwei Protagonisten der Verführung einen durchgehenden Charakter, indem ich sie als Mafioso und Geliebte in Fuchs und Katze, in die Mörder, und später in den Kutscher und Trommelbauer verwandle.·

Dadurch geben sie dem Bösen der kapitalistischen Wahrheit, dem Tanz ums Goldene Kalb durch das ganze Stück hindurch einen dramatischen Ausdruck und Gestalt.

Eine weitere Figur, die außer klaren äußeren Merkmalen wie blau türkise Haare im Originaltext einen dubios verschwommenen Charakter aufweist, ist die Fee. Wer ist sie eigentlich? Zuerst Kind, dann Mutter, plötzlich Schwester und auf einmal schulmeisterliche Freundin oder Lehrerin - ausdrücklich als reich wie eine Prinzessin geschildert, endet sie auch noch im Armenhaus! Collodi hatte keine Frau, keine Freundin, keine Schwester, lebte bei seinem Bruder und mochte die Gesellschaft von Frauen nicht besonders. Dies tritt nun bei der Gestaltung der Fee deutlich hervor, denn als einzige weibliche Figur in seiner Erzählung, hatte er für deren Art und Charakter offensichtlich keine klare Vorstellung. Es scheint als wäre ihm lediglich ihre Funktion als eine Art 'Joker' wichtig. Da es sich bei ihr um eine Fee handelt, kann sie im Buch durchaus feenhaft diffus durchgehen, nicht aber auf der Bühne. Meine Idee für diese Rolle war nun, dass sie einen weiblichen Archetypus schlechthin ausdrücken soll. In ihren Hauptliedern wird sie durch den Chor sozusagen 'vielstimmig', also Mutter, Schwester, Geliebte in einem; nicht aber Lehrerin, denn alles Schulmeisterliche wollte ich vermeiden.

Die problematischste Passage in Collodis Text scheint mir aber ausgerechnet die bekannteste zu sein; nämlich diejenige, in der Pinocchio die Fee anlügt und seine Nase immer länger wird. Wieso lügt Pinocchio ausgerechnet an dieser Stelle? Man stelle sich das bitte einmal vor: zuerst lässt ihn die Fee aus seiner Schlinge befreien, dann hat er ein tödliches Fieber, für welches sie die richtige Medizin weiß - rettet ihm also in kürzester Zeit gleich zweimal das Leben – und er befindet sich plötzlich auch noch in einer Umgebung von nie gekanntem Reichtum und Prunk. Und was tut er, als er nach seinen fünf Goldstücken gefragt wird von der Person, welche Wunder vollbringen kann und ihm ganz offensichtlich äußerst wohl gesinnt ist? Er lügt sie an! Das ist unverständlich. Es gibt überhaupt keinen Grund dafür. Auch der Einfältigste würde in dem Moment die Fee wahrscheinlich eher bitten, aus den fünf Goldstücken fünfzig oder fünftausend zu machen, als sie anzulügen.·

Ich musste einen stichhaltigen Grund finden für dieses dreimalige Lügen und fand ihn im Motiv der Scham: Pinocchio schämt sich über seine Dummheit und will der Fee gegenüber nicht zugeben, was für ein Tölpel er war. Dies ist ein verständlicher Grund für sein Lügen. Verständlich auch, dass sie, diese Lügen durchschauend, ihn schon nach Kurzem aus seiner misslichen Lage mit der langen Nase befreien wird, also die Konsequenz für sein Schummeln relativ harmlos ausfällt und von kurzer Dauer ist. (Sonst in der Erzählung wird er vom Feuerfresser, Fuchs und Katze, Trommelbauer und Kutscher ja immer gleich in seiner gesamten Existenz, also mit dem Tod bedroht.)·

Ein weiteres Problem in Collodis Buch ist für mich der erzieherische Aspekt. Aus heutiger Sicht erscheint mir dieser nicht nachvollziehbar und pädagogisch falsch. Collodi geht davon aus, dass die unwissende Holzpuppe als ungezogener Lausbub erst mal die Regeln der Gesellschaft erlernen muss, um als richtiges Menschenkind ein normales Leben zu erreichen. Ich frage mich nun aber, wer oder was hier eigentlich normal ist? Der Bub (ohne 'Laus') oder die Normen der Gesellschaft? Ist eine Gesellschaft normal, in welcher einer die Regeln von Mafioso und Geliebte (Fuchs und Katze) erlernen soll? Ist sie normal, wenn ein armer Vater seinem Kind bloß Obstschalen vorsetzen kann? Ist nicht eher die Gesellschaft selbst ungezogen, wenn man lieber ins Marionettentheater geht als zur Schule? Welches normale Kind würde nicht genauso handeln? Nein, Pinocchio ist ein ganz und gar normaler Junge mit einem sogar ausgesprochen gesunden Menschenverstand. Nicht normal und verrückt ist die Welt um ihn herum.·

Mit diesem Leitmotiv steht mein Stück natürlich in Opposition zum Originaltext und es ist daher nur logisch, dass mein Schluss auch konträr zu dem von Collodi ist. Pinocchio hat zwar mittlerweile die Normen des Lebens kennen gelernt, will aber nun nicht ein Menschenkind werden in einer Welt von Betrügern, Hunger und Einsamkeit. Abgesehen von der logischen Konsequenz, hat dieser Schluss etwas kindergerechtes, denn ich erinnere mich vieler Tränen, als in meiner ersten Version für das Opernhaus Zürich Pinocchio am Schluss ein Mensch wurde: Die Kinder wollen die Holzpuppe sehen und diese stirbt in dem Moment, in dem Pinocchio ein Mensch wird. Dieser neue Schluss öffnet nun noch eine weitere Ebene, nämlich eine Art Erlösung im märchenhaften: Wird Pinocchio Mensch, so können sich Mafioso und Geliebte nicht mehr in Fuchs und Katze verwandeln, die Barfrau nicht mehr in eine Fee und die Bar-Theke wird nicht mehr zur Kutsche und lässt keinen Walfisch mehr zu. Alles wäre in der Realität gestrandet und fortan an sie gebunden. Wenn aber Pinocchio kein Mensch wird, so bleiben die Türen der Fantasie offen und alle Figuren können auch weiterhin die Wirklichkeit wechseln. Diese Erlösung drückt sich im letzten Refrain aus: (Alle): „Wir wollen neue Lieder singen und Theater spielen.“·

 

 

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SChABERNACK OPer

 

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La Felicità di un Maiale trailer

 

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Il Gallo e la croce

 

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Il Gallo e la Croce ( 1 )

Il Gallo e la Croce ( 2 )

 

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